griechische Philosophie: Die Frage nach dem stofflichen Ursprung der Welt


griechische Philosophie: Die Frage nach dem stofflichen Ursprung der Welt
griechische Philosophie: Die Frage nach dem stofflichen Ursprung der Welt
 
Am Anfang der abendländischen Philosophie stehen verschiedene Denker aus dem ionischen und dem süditalischen Teil Griechenlands. In den Philosophiegeschichten werden sie »Vorsokratiker« genannt. Üblicherweise lässt man diese Epoche der Philosophie mit Thales von Milet um 600 v. Chr. beginnen; sie erstreckt sich bis etwa in das Jahr 370 v. Chr., das Todesjahr des Atomisten Demokrit von Abdera, der Sokrates um 29 Jahre überlebte. Die Bezeichnung »Vor-Sokratik« gibt die durchaus zutreffende Einschätzung wieder, dass mit Sokrates ein tief greifender Einschnitt stattgefunden habe, zumal sich dieser als erster mit ethischen Fragen und mit der Definition von Allgemeinbegriffen befasst haben soll. Die Gruppierung der Vorsokratiker zerfällt in ganz unterschiedliche Strömungen und Gestalten, wie zunächst die milesischen Naturphilosophen Thales, Anaximander und Anaximenes, wichtige Einzelpersönlichkeiten wie Pythagoras, Xenophanes, Heraklit und Parmenides, die Eleaten Zenon und Melissos sowie die jüngere Generation der Naturphilosophen bis hin zu den Atomisten.
 
Für so gut wie alle diese Denker besteht das Problem, dass ihre Lehren nur bruchstückhaft oder durch indirekte Zeugnisse überliefert sind, wodurch das nähere Verständnis dieser Philosophen erheblich behindert wird. Die schriftliche Aufzeichnung von Zitaten und Lehrmeinungen, auf die wir heute angewiesen sind, stammen in vielen Fällen von Autoren, die mehrere Jahrunderte später gelebt und unter dem Einfluss ganz anderer philosophischer und weltanschaulicher Strömungen gestanden haben.
 
Thales ist bekannt für die These, dass das Prinzip oder der Ursprung aller Dinge das Wasser sei; wörtlich könnte diese These etwa gelautet haben »alles ist aus Wasser«. Wie er darauf kam, ist nicht so recht auszumachen: nach Aristoteles könnte es die Beobachtung gewesen sein, dass die Nahrung, das Warme und der Samen aus dem Feuchten hervorgeht, nach Theophrast soll er die Leben spendende Bedeutung des Feuchten und des Wassers aus dem Austrocknen der Leichen erschlossen haben.
 
Weitaus klarer sieht man schon bei Thales' Nachfolger Anaximander. Auch er vertrat eine These über den Ursprung aller Dinge, die aber in vielerlei Hinsicht ausgeklügelter erscheint. Ursprung des Seienden sei nämlich das Unbegrenzte und nicht das Wasser oder sonst eines der Elemente. Ziemlich sicher hat der rätselhafte Begriff des Unbegrenzten räumliche und quantitative Bedeutung: diejenige Ursubstanz, aus der alles hervorgegangen ist, soll ihrer Ausdehnung nach unendlich und ihrer Menge nach unerschöpflich sein, damit - wie es in einem späteren Zeugnis heißt - die Quelle des Entstehens nie ausgeht.
 
Anaximanders Urstoff ist aber noch in einer weiteren Hinsicht unbegrenzt, denn im Vergleich mit anderen Stoffen, wie Wasser, Luft etc., ist das Unbegrenzte auch qualitativ unbestimmt; es hat also keine bestimmten Eigenschaften, durch die wir es als diesen oder jenen Einzelstoff identifizieren könnten. Welchen Grund könnte Anaximander gehabt haben, einen solchen eigenschaftslosen, nicht beobachtbaren Urstoff zu konstruieren? Die beste Erklärung, die wir unter den späteren Berichten finden, geht davon aus, dass konkrete Stoffe immer mit ganz bestimmten Qualitäten verbunden sind: Luft ist kalt, Wasser ist feucht, Feuer ist heiß. Diese Qualitäten befinden sich in einer Art von Kampf, in dem jede Seite bemüht ist, die andere auszulöschen, was etwa für das Verhältnis von Feuer und Wasser gut nachvollziehbar ist. Wäre nun einer dieser Stoffe der Ursprung von allem anderen, dann würde er die gegnerischen Stoffe entweder gar nicht entstehen lassen oder gleich wieder vernichten. Weil wir aber in einem Kosmos leben, in dem offenbar keiner dieser Stoffe endgültig die Oberhand gewonnen hat, können wir schließen, so meint Anaximander, dass der Urstoff nicht von einer so-und-so bestimmten Natur, sondern unbestimmt sein muss.
 
Ist der Kosmos erst einmal aus dem Unbegrenzten hervorgegangen, dann befinden sich die gegnerischen Qualitäten in einer Art Kräftegleichgewicht. Anaximanders Beschreibung dieses Gleichgewichts ist in dem frühesten überlieferten Satz der abendländischen Philosophie erhalten: »... gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit« (Fragment 1). Offenbar will Anaximander eine allgemeine Gesetzmäßigkeit über die Vorgänge in der Welt formulieren.
 
Von Anaximenes, dem Schüler des Anaximander, stammt eine weitere These über den Ursprung der Welt. Für ihn ist der Urstoff wie bei Anaximander der Menge nach unbegrenzt; anders als sein Vorgänger jedoch setzt er einen qualitativ bestimmten Stoff als Ursubstanz an, nämlich die Luft. Das erscheint zunächst als Rückschritt, nachdem Anaximander bereits gegen einen qualitativ bestimmten Ursprung argumentiert hatte. Die nähere Betrachtung zeigt jedoch, dass Anaximenes' System solchen Einwänden durchaus begegnen kann: denn bemerkenswerter als die Bestimmung des Urstoffes als Luft ist seine Idee, alle anderen Substanzen durch eine einzige Form der Veränderung - nämlich die Verdünnung und Verdichtung der Luft - aus dem einen Urstoff hervorgehen zu lassen. Verdünnt sich die Luft, entstehe Feuer, verdichtet sie sich, entstehen zuerst Wind, dann Wolken und bei weiterer Verdichtung Wasser, Erde, Steine - und alles Übrige entstehe aus diesen. Alle Einzelsubstanzen können auf diese Weise als unterschiedliche Aggregatzustände des einen Urstoffes Luft erklärt werden.
 
Wenn nun alle Stoffe und Dinge in einem einheitlichen Prozess aus Luft entstanden sind, dann kann man auch sagen, dass alle Dinge in gewisser Weise aus Luft bestehen und unterschiedliche Erscheinungsweisen des einen Urstoffes darstellen. Insofern findet sich bei Anaximenes deutlich eine Position, die sich bei Thales und Anaximander bereits andeutete, dort aber weniger klar ausgesprochen war: der »materiale Monismus«, wonach alles aus einer einzigen Art von Stoff besteht. Insgesamt also ist für die Milesier die Bemühung typisch, die Komplexität der entwickelten Welt auf einen einzigen Grundstoff oder zumindest auf einen einheitlichen Ursprung (griechisch: arche) zurückzuführen. Die Reduktion von Vielem und Komplexem auf Weniges und Einfacheres ist das, was auch wir unter einer »Erklärung« verstehen, sodass nichts im Wege steht, die milesische Frage nach dem stofflichen Ursprung als die vielleicht anschaulichste und früheste Form einer philosophisch-rationalen Welterklärung anzusehen.
 
Dr. Christof Rapp
 
 
Rapp, Christof: Die Vorsokratiker. München 1997.
 Ricken, Friedo: Philosophie der Antike. Stuttgart u. a. 21993.
 Röd, Wolfgang: Die Philosophie der Antike, Band 1: Von Thales bis Demokrit. München 21988.

Universal-Lexikon. 2012.

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